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Die Negativschlagzeilen über die Schweizer Telekommunikationsbranche reissen nicht ab. Sunrise stellt 147 Mitarbeiter:innen auf die Strasse, während der CEO 15.4 Millionen pro Jahr kassiert. Swisscom erhöht die Preise je Mobilfunk- oder Internet-Abo um CHF 1.90 pro Monat. Salt dreht in Flagship-Store in Bern einer dementen Kundin gleich fünf (!) Mobilfunk-Abos samt Musikboxen an. Cablex, die Netzbau-Tochterfirma der Swisscom streicht trotz Milliarden-Gewinn Dutzende Stellen. Alle Massnahmen haben eines gemeinsam: Es geht immer um Renditeoptimierung.
Man befriedigt die Erwartungen von Aktionäre und bedient die Boni des Managements. All das geht zu Lasten der Schwächeren unserer Gesellschaft: Kundinnen und Kunden ohne Fachwissen, Mitarbeitende ohne berufliche Alternative – und letztlich zu Lasten der Allgemeinheit und unserer Volkswirtschaft. Die Methoden der grossen Anbieter der Branche mit "S" bringen die ganze Telekommunikationsbranche in Verruf. Anstand und Respekt scheint vielerorts verloren gegangen zu sein. Nicht mehr die Kundenzufriedenheit steht im Fokus, nein, es sind nur noch Finanzkennzahlen wie ARPU und EBITDA. Oder anders gesagt: Bei Swisscom & Co. ist der Kunde schon lange nicht mehr Kunde, sondern Nettozahler. Der eigentliche Kunde ist der Aktionär. Solange die Dividende stimmt, gilt der Auftrag des Managements als erfüllt.
Sie denken jetzt vielleicht: "Aber die Swisscom gehört doch dem Staat?" Das ist korrekt, zumindest zu 51%. Doch die Dividende, die der Bund einnimmt, es sind immerhin um die CHF 580 Millionen pro Jahr, ist sakrosankt in Bundesbern. Wer den Versuch unternimmt, diese Einnahmen zu schmälern, begeht politischen Selbstmord. Ein Beispiel: Die Motion von Ständerat Charles Juillard (JU), die der ComCom die Zuständigkeit für Glasfaser übertragen und damit FTTH regulieren wollte, wurde in der zuständigen ständerätlichen Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen derart zerredet, dass Juillard seinen Vorstoss schliesslich zurück zog – von den Medien praktisch unbeachtet. Wäre die ComCom für Glasfaser und damit für kostenorientierte Vorleistungspreise zuständig, gäbe es deutlich mehr Preiswettbewerb bei Breitbandanschlüssen. Davon würden letztlich alle Menschen in der Schweiz profitieren. Für die Parlamentarier in Bundesbern scheint jedoch die Swisscom-Dividende wichtiger zu sein.
So kann Swisscom «einfach so» CHF 1.90 mehr pro Abo und Monat verlangen. Das erscheint wenig, schliesslich «wird ja alles teurer». Ein bisschen Shitstorm in den Medien, fertig. Dass CHF 1.90 pro Jahr CHF 22.80 sind und um die CHF 160 bis 200 Millionen mehr Gewinn pro Jahr für Swisscom-Aktionäre bedeutet, bekommt kaum jemand mit.
Aus diesem Grund widmet sich unser neuester Blog der Ökonomie der Telekommunikationsindustrie.
Wenn man Telekommunikation-Dienstleistungen von Firmen kauft, die solcherlei Geschäftspraktiken anwenden, toleriert und unterstützt man diese passiv. Oder anders gesagt: Wer Eier von Hühnern in Legebatterien kauft, weil sie etwas günstiger sind als Bio-Eier von glücklichen Hühnern, trägt dazu bei, dass es weiterhin Legebatterien gibt.
Die Frage ist deshalb sehr persönlich: Haben Sie schon ein "Bio-Internet"-Abo oder gehören Sie noch zu jenen, bei denen Renditeoptimierung über allen anderen Werten steht?
Fredy Künzler
CEO Init7
PS. Noch eine unschöne Sache hält uns auf Trab. Übereifrige Staatsanwaltschaften in der Romandie glauben nämlich, sie dürften trotz fehlender Rechtsgrundlage nach Belieben Verfügungen an Provider rausschicken, die unliebsame Websites und Domains sperren sollen. Wir haben uns widersetzt, was mir als CEO von Init7 eine Bussenverfügung von über CHF 6000 einbrachte. Die ganze Story über die politische Zensur gibt es im digitalen Stadtmagazin für Winterthur WNTI.